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22.06.2010, 13:51 Uhr | Übersicht | Drucken
Menschen in sozialen Berufen sind Spielmacher unserer Gesellschaft
Fachveranstaltung der CDU-Kreistagsfraktion über die „Zukunft der sozialen Berufe“ im ländlichen Raum in Kirchhain

„Wenn Michael Ballack verletzt ist und der Nationalmannschaft fehlt, bringt das die ganze Nation in Unruhe – aber wenn sich abzeichnet, dass es künftig einen Mangel an Erziehern, Sozialpädagoginnen, Pflegern und anderen sozialen Berufen geben wird, ist das leider nur eine Randnotiz“, machte Moderator Marian Zachow darauf aufmerksam, dass es schon in kurzer Zeit überaus schwer werde, Stellen im sozialen Bereich zu besetzen. „Dabei sind die Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, die eigentlichen Spielmacherinnen und Spielmacher einer Gesellschaft“. Umso wichtiger sei es, die Zukunftsfragen für dieses Berufsfeld frühzeitig zu beantworten: Gerade im ländlichen Raum brauche man durchdachte Strategien, wie man für diese Berufe begeistern kann. „Regionen wie unsere haben gute Chancen im Wettbewerb um die besten Köpfen: Denn  wo es ein gutes und intensives soziales Miteinander und eine leistungsfähige soziale Infrastruktur gibt ist auch die Arbeit in sozialen Berufen attraktiv:“ Zugleich unterstrich Zachow in seiner Einleitung aber auch, dass man die Diskussion nicht auf die Frage der Nachwuchsgewinnung verengen darf: Sozialer und demographischer Wandel stellten soziale Arbeit vor neue Herausforderungen, so dass man immer wieder fragen müsse, wie Berufsbildung auf Ausbildungsstruktur reagieren können. 


Dr. Sandra Hirschler, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz,  ging vor über 70 Zuhörern der Frage nach, wie die Ausbildung auf die Wandlungen und Erneuerungen im sozialen Bereich reagiere: Sie untermauerte die wachsende Bedeutung der sozialen Arbeit, in dem sie auf die allein im letzten Jahrzehnt erheblich gestiegene Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesem Bereich aufmerksam machte. Dabei sei allerdings immer noch augenfällig, dass männliche Arbeitnehmer völlig unterrepräsentiert seien, andererseits  aber auch die Teilzeitarbeit in diesem Feld noch immer eine weit überdurchschnittliche Bedeutung haben.

Exemplarisch griff sie verschiedene neue Herausforderungen für die sozialen Berufe auf: So plädierte sie dafür, den demographischen Wandel nicht nur im Blick auf die Personalproblematik zu sehen, sondern auch zu bedenken, dass in einer älter werdenden Gesellschaft neue Formen sozialer Arbeit entstehen: „Soziale Arbeit wird immer öfter auch Arbeit mit alten Menschen sein – man wird künftig zum Beispiel viel mehr Sozialarbeiter auch in der Seniorenarbeit brauchen“.. Hierauf müsse die Ausbildung reagieren. Zugleich müsse man aber auch der Frage nachgehen, was es für Folgen hat, wenn auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den sozialen Berufen älter würden: „Was wird es für die Arbeit mit Jugendlichen bedeuten, wenn beispielsweise das Gros von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen schon weit über fünfzig und damit vergleichsweise weit weg von der Lebenswelt der Jugendlichen sein wird“, fragte sie.

Prof. Michael Galuske von der Universität Kassel setzte sich kritisch mit den Ökonomisierungstendenzen in der sozialen Arbeit auseinander. „Wenn in der sozialen Arbeit zunehmend von Kunden geredet wird, zeigt sich wie unzureichend ökonomische Terminologie die Wirklichkeit in sozialen Dienstleistungen abbildet. Im sozialen Sektor kann man ja schon kaum sagen, wer eigentlich überhaupt der Kunde sein soll“. Es sei geradezu grotesk, beispielsweise einen Jugendlichen in einer sozialpädagogischen Fördermaßnahme als Kunden zu bezeichnen, wenn ihm diese Dienstleistung sowohl von anderer Seite vorgeschlagen als auch von einem anderen Kostenträger übernommen würde.

Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass zunehmende Dokumentationspflichten und marktwirtschaftliche Mess- und Steuerungsinstrumente das Berufsbild Sozialer Arbeit zunehmend veränderten: „So wichtig Dokumentation und Nachweisverfahren sind – in einem Beruf, wo es vor allem auch um das Aufbauen von Vertrauen und die Stärkung von Menschen geht stoßen Benchmarking- und Ranking-Verfahren an Grenzen“. Es sei problematisch, wenn immer öfter statt fundierter Analyse der fachkundigen Mitarbeiter nur statistisch-formale Kriterien zum Maßstab gemacht würden.

Kritisch setzte sich Galuske auch mit der Veränderung der Ausbildungslandschaft durch die Umstellung auch Bachelor – und Masterstudiengänge auseinander. Die traditionelle deutsche Breitbandausbildung ermögliche es etwa, dass ein Sozialpädagoge in ganz verschiedenen Arbeitsfeldern agieren könne: Spezialisierte Masterabschlüsse hingegen könnten diese traditionelle Flexibilität einengen: „Es ist mehr als fraglich, ob jemand mit einem Master in  „Frühkindlicher Pädagogik“ genauso flexibel in ein anderes Aufgabenfeld wechseln könne, wie es heute der Fall sei“.

Prof. Klaus Schellberg von der Evangelischen Hochschule Nürnberg, der auch als Unternehmensberater im sozialen Bereich tätig ist, unterstrich die ökonomische Bedeutung sozialer Arbeit: Anhand einer Beispielrechnung aus einem süddeutschen Landkreis machte er deutlich, dass sich Ausgaben im sozialen Bereich auch betriebswirtschaftlich mannigfaltig auszahlten. Hinzu käme aber, dass ein funktionierendes soziales Netz auch ein zunehmend wichtiger Standortfaktor sei: „Es wird also höchste Zeit, dass sich die Sozialen Dienstleistungen aus der Bittsteller-Rolle verabschieden und stattdessen selbstbewusst ihre Rolle als wichtiger und wertvoller ökonomischer Faktor wahrnehmen“, so Schellberg. Er machte deutlich, welche Chancen auch darin lägen, soziale Dienstleistungen auch aus ökonomischer Perspektive in den Blick zu nehmen: „Wettbewerb und Leistungsmechanismen führen auch immer wieder zu Erneuerung und zur Weiterentwicklung“, hob er hervor.

Er machte viele Bereiche aus, in dem soziale Dienstleistungen neue Leistungskraft entfalten könnten. „Wichtig dafür ist, dass sowohl die öffentlichen Träger und Auftraggeber kreative Rahmenbedingungen schaffen, aber auch die Akteure in diesem Sektor innovativ und Veränderungsbereit seien. Als wichtiges Handlungsfeld nannte er beispielsweise den Abbau von bürokratischem Aufwand: Er regte einen „New Deal“ an, bei dem der öffentliche Träger sich zu Bürokratieabbau verpflichtet, der Dienstleister als Vertragspartner im Gegenzug sich zu Kostensenkungen verpflichte. Zugleich mahnte er an, dass Träger wie Akteure für ein Klima sorgten, in dem neue und kreative Modelle erprobt werden könnten. „Zu oft sind soziale Dienstleistungen reaktiv statt innovativ“. Experimentierklauseln und Modellprojekte seien hier Chancen, die auch im ländlichen Raum umgesetzt werden könnten.

Genauso notwendig sei aber, dass zwischen Träger und allen beteiligten Akteuren ein Klima von Fairness und Vertrauen bestehe: „Nur so können stabile und leistungsfähige Strukturen wachsen, die auch längerfristig tragfähig sind.

In seinem Schlusswort zeigte sich der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion Werner Waßmuth erfreut, dass das von Prof. Schellberg eingeforderte Klima in der sozialen Landschaft in Marburg-Biedenkopf in vielerlei Hinsicht durchaus verwirklicht sei: „Fairness, Innovation und Vertrauen – das ist charakteristisch für die soziale Landschaft in Marburg – Biedenkopf. Deswegen sind wir gut aufgestellt im Wettbewerb um die besten Köpfe“, so der Fraktionschef. Dennoch müsse aber das Thema „Soziale Berufe auf der Agenda bleiben. „Wir werden das Thema weiterverfolgen – und konkrete Handlungsvorschläge vorlegen, wie wir auch in diesem Themengebiet unseren Landkreis voranbringen“.
 



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